Über mich … und das Fotografieren

Schon als Kind hatten Tiere einen festen Platz in meinem Leben. Mit dem Fotografieren ist es ähnlich, es kam später dazu. Wichtig wurde es als junger Erwachsener. Ich besuchte einen Fotokurs in der Klubschule Migros. Das ist lange her.
2006 hielt ich die erste Digital-Kamera in den Händen. Plötzlich war die Zahl der Bilder nicht mehr begrenzt. Indirekt war dies wahrscheinlich der entscheidende Faktor, dass meine beiden alten Lieben zusammenfanden.
In den nächsten Jahren schlich sich das Fotografieren von Tieren still und leise in mein Leben. Bis es seinen festen Platz erobert hatte. Es war gekommen, um zu bleiben. Das Ende des Berufslebens konnte kommen. Es gab einen Plan B.
Es war ein grosses Glücksgefühl nach der Pensionierung im November 2018, ohne Wenn und Aber Zeit für die Tierfotografie zu haben. Und so bin ich vom erfahrenen Berufsmenschen zum unerfahrenen «Tier-Fotografen» geworden.
Ein Tier-Foto ist für mich mehr als die Darstellung eines Tieres. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein grosses Säugetier oder um eine Fliege handelt. Ein Bild ist eine Box, in der eine Geschichte fein säuberlich aufbewahrt ist. Die Geschichte einer Begegnung zwischen einem Tier und einem Menschen. Eine Begegnung im Wohnzimmer des Tieres. Je höher entwickelt das Tier ist, umso mehr empfinde ich diese Momente als Begegnung auf Augenhöhe. Wenn es mir gelingt Tiere so lange zu beobachten, bis sie mich in der Nähe akzeptieren, werde ich zum Teil eines Ganzen. Ich bin kein Störenfried mehr, bin wie ein Baum, ein Strauch oder ein grosser Stein, Teil der Umgebung. Aber auch die flüchtige Begegnung mit einem Insekt, das plötzlich da ist, um im nächsten Augenblick wieder ins Nichts abzutauchen, hat Qualität.
Beim späteren Betrachten eines Bildes wird die darin aufbewahrte Geschichte lebendig: erzählt von zeitlosen Zeiten, vom Warten ohne Anfang und Ende, vom Allein sein jenseits der Einsamkeit, vom Hoffen auf Zauberstunden, vom Glück der Begegnung, von der Vergänglichkeit des Augenblicks, von der Freude eine neue Geschichten-Box in meiner Kamera zu wissen.
Eine Geschichten-Box ist nur perfekt, wenn die Verpackung meinen Vorstellungen und Erwartungen entspricht. Wenn das Bild technisch keine gravierenden Mängel aufweist und der Bildaufbau stimmt. Dann kann ich mich nicht satt sehen, dann ist es Nahrung für meine Seele: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er braucht auch Bilder, schöne Bilder.

Ueli Rettenmund